News

In Zukunft läuft es rund: Die Automobilindustrie an der Schwelle zur zirkulären Wirtschaft

Sie ist das Schlagwort der Stunde – und damit brandaktuelles Thema für den IAA Mobility Visionary Club: Zirkuläre Wirtschaft verspricht eine Mobilität, die Ressourcen schont. Für die Automobilindustrie ist sie Chance und Herausforderung zugleich. Über einen Paradigmenwechsel und seine Potenziale.

Die Vision ist schön: eine Welt, in der wir Neues produzieren, ohne dafür neue Ressourcen zu verbrauchen. Genau das bedeutet zirkuläre Wirtschaft in letzter Konsequenz: So wenig wie möglich wird verschwendet, alles wird so entworfen, gebaut und wieder aufbereitet, dass es so lange wie möglich erneut genutzt werden kann. So entsteht ein geschlossener Kreislauf – als Gegenentwurf zur Wegwerfmentalität der linearen Wirtschaft. Das ermöglicht, schonend mit endlichen Ressourcen umzugehen und CO2-Emissionen zu senken. Immerhin gehen 45 Prozent der globalen Emissionen auf die Herstellung von Produkten zurück, so eine Studie der Ellen-MacArthur-Stiftung1.

Gute Gründe also für die Automobilindustrie und den IAA Mobility Visionary Club, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn um die Pariser Klimaziele zu erreichen, hat sich die Branche auch die Senkung der Emissionen in Produktion und Lieferkette ins Lastenheft geschrieben.

Weit mehr als Recycling

Also einfach mehr recyceln und alles läuft rund? Ganz so simpel ist es nicht. Zirkuläre Wirtschaft bedeutet einen Paradigmenwechsel – und das entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Daniela Bohlinger, Head of Sustainability Design BMW Group, verdeutlicht in der Diskussionsrunde des IAA Mobility Visionary Club: „Wir müssen zu ganz neuen Prinzipien gelangen, wie wir unsere Autos bauen. Zirkuläre Wirtschaft bedeutet, wieder von Null anzufangen.“

Wird Wiederverwertbarkeit zur Prämisse, muss sie bei jedem Produkt von Anfang an mitgedacht werden: etwa durch die Verwendung recycelbarer Materialien, leichter zu demontierende Komponenten und Transparenz in der gesamten Lieferkette. Auch  müssen Materialien den hohen Anforderungen der Industrie an Qualität und Wirtschaftlichkeit standhalten: Nicht alle Rohstoffe können ohne Qualitätsverluste aufbereitet werden. „Hier gilt es, von Anfang an zu planen, wie wir so viele  Komponenten wie möglich am Ende des Produktlebenszyklus wieder verwenden können –  im Automobilbau oder eben für einen anderen Zweck in einer anderen Industrie“, erklärt Fabrizio Barillari, Head of Product Portfolio Management Sustainable Solutions bei Röchling Automotive, im Visionary Club. Eine Herausforderung. Dazu kommen weitere: Wie lässt sich die Verwendung von oft noch teureren recycelten Materialien fördern? In welcher Qualität werden sie zur Verfügung stehen? Und in welcher Quantität? Viele Fragen sind noch offen.

Wachstumsfaktor und Jobmotor

Alexander Meyer zum Felde, Partner und Associate Director bei der Boston Consulting Group, zeigt sich in der Diskussion dennoch optimistisch, was den Umstieg angeht: „Die Entwicklung schreitet schnell voran, und sie ist getrieben von Business Cases.“ Denn das Modell verspricht Wachstum. „Es geht darum, Werte zu erhalten, über die man bereits verfügt. Das ist das Schöne daran“, ergänzt Luise Müller-Hofstede, Director of Business Development bei Circulor, einem Anbieter von Lösungen zur Nachverfolgbarkeit in Lieferketten.

Schätzungen zufolge könnte der Übergang zur zirkulären Wirtschaft bis 2030 weltweit ein BIP-Wachstum von 4,5 Billionen Dollar freisetzen2 und in Europa 700.000 neue Arbeitsplätze entstehen lassen3. Zudem könnte er unabhängiger von Rohstoffimporten machen. Auch die Politik treibt das Thema, Kreislaufwirtschaft ist ein wichtiger Bestandteil des Green Deal der EU.

Neue Formen der Zusammenarbeit und neue Businessmodelle

Der Wandel ist bereits in vollem Gange: Die Industrie baut Batterierecyclinganlagen, arbeitet an wiederverwendbaren Materialien und spielt das Modell an Studien wie dem i Vision Circular von BMW durch. Das Fahrzeug wurde nach den Grundätzen der zirkulären Wirtschaft konzipiert. Langfristig wird es in der Branche aber neue Geschäfts- und Kooperationsmodelle sowie den Einsatz modernster Technologien brauchen. Tracking über die gesamte Lieferkette, organisiert in der Blockchain, könnte die Nachverfolgbarkeit von Materialien in einem digitalen Ökosystem ermöglichen, in dem Lieferanten, Hersteller und Recyclingfirmen zusammenarbeiten. Für zirkuläre Geschäftsmodelle müssten Automobilbauer konsequent gedacht auch die Nutzung von Fahrzeugen anpacken – und damit einen weiteren Schritt hin zum Mobilitätsdienstleister gehen, der neben Carsharing etwa auch Rücknahmesysteme für Fahrzeuge bietet.

Ein solches Vorgehen läge im Trend: „Wir werden verstärkt sehen, dass Kunden solche Konzepte verlangen“, sagt Carla Woydt, Director Sustainability bei aware, einer Plattform für Nachhaltigkeit. Was braucht es also, um die lineare Wirtschaft zu einem Kreis zu formen? Investitionen, Technologien, Kooperationen und den konsequenten Willen, das Modell umzusetzen, ist sich die Runde im IAA Mobility Visionary Club einig. „Wir haben gar keine andere Wahl“, sagt Luise Müller-Hofstede. „Alles Einfache ist schon getan.“
 

1 Ellen MacArthur Foundation, Completing the Picture: How the Circular Economy Tackles Climate Change (2019) www.ellenmacarthurfoundation.org/publications
2 Peter Lacy and Jakob Rutqvist, Waste to Wealth: The Circular Economy Advantage, New York and London: Palgrave Macmillan, 2015.
3 Pressemitteilung der Europäischen Kommission, 11.3.2020: Neuer Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft, https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_20_420