Future Technology

Zwei Autos für zwei Realitäten

Alle reden davon, alle warten darauf – doch was bringt das Metaverse der Welt der Mobilität? Dieser Frage diskutiert der IAA Mobility Visionary Club. Denn profitieren können künftig nicht nur Entwicklung, Produktion und Qualitätssicherung – in der dreidimensionalen digitalen Erlebniswelt tut sich auch ein neuer Markt auf.

800 Milliarden US-Dollar schon bis 2024: Dieses wirtschaftliche Potenzial prognostiziert Bloomberg Intelligence für das Metaverse – und damit für etwas, was es streng genommen noch gar nicht gibt. Denn die digitale Welt, in die wir über Avatare komplett eintauchen, in der wir Konzerte besuchen, Freunde treffen, einkaufen und in der Technologien wie Virtual Reality (VR), Künstliche Intelligenz oder das Internet of Things zusammenkommen werden, steht noch ganz am Anfang. Auch wenn einzelne Technologien wie VR heute schon einen Ausblick geben, erleben wir „im Moment erst die Anfänge dieses technologischen Wandels“, wie Bastian Raschke im IAA Mobility Visionary Club sagt. Er ist Director Automotive, Mobility and Travel DACH bei Meta – allein der neue Name des Unternehmens, das einmal Facebook war, weist schon auf die Bedeutung hin, die dem Metaverse in der digitalen Gemeinde zukommt. „Wir glauben, dass das Metaverse das Potenzial hat, zum Nachfolger des mobilen Internets zu werden.“

Die nächste industrielle Revolution?

Ein Nachfolger, der gerade auch der Automobilindustrie nutzen könnte. Die Technologie könnte es etwa über realistische Simulationen möglich machen, jegliche Probleme entlang der Wertschöpfungskette virtuell vorherzusagen und so in der realen Welt auszumerzen, erklärt Kathrin Pannier, Partner bei der Boston Consulting Group. „Das bedeutet eine fundamentale Veränderung der Art, wie wir Autos entwickeln, bauen und am Ende auch verkaufen werden.“ Tom Westendorp, verantwortlich für Business Development Automotive Enterprise Europe bei NVIDIA, erwartet vom Metaverse gar „die nächste große industrielle Revolution”.

Vorboten der Zukunft

Und auch wenn das Metaverse in seiner vollen Ausprägung noch Zukunftsmusik ist, sind einige Anwendungsmöglichkeiten heute schon in der Industrie im Einsatz. Beispiel Fabrik der Zukunft: Für die BMW Group hat NVIDIA digitale Zwillinge von Fabriken kreiert. Auf sechs Millionen Quadratmetern virtueller Fläche kann der Hersteller Veränderungen in Prozessen simulieren und optimieren, bevor er sie in der realen Welt umsetzt, so Westendorp. Der Nutzen dieses Vorgehens liegt auf der Hand: mehr Effizienz, weniger Fehler, höhere Produktionszahlen.

Auch in Entwicklung und Design sind mit virtuellen Prototypen die Vorboten der Zukunft längst angekommen. Künftig könnte auch die Erprobung komplett auf die virtuelle Teststrecke verlegt werden, erklärt Florian Albert, Co-Founder & Business Operations bei AVES Reality. Das Unternehmen arbeitet daran, die reale Welt in der virtuellen abzubilden. So könnten Erprobungsfahrten schnell und unter allen denkbaren Bedingungen komplett realitätsgetreu simuliert werden. „Das Metaverse wird auch die Zusammenarbeit auf ein neues Niveau heben“, sagt Albert – angefangen bei virtuellen Besuchen in weit entfernten Fabriken bis hin zur Verwendung einer konsolidierten Datenbasis innerhalb eines Unternehmens. Das würde zudem bisherige Schnittstellenprobleme zwischen Abteilungen beheben.

Ein neuer Absatzmarkt

Aber das Metaverse wird, so die Erwartung, auch das Markenerlebnis revolutionieren. „Der größte Mehrwert wird das Gefühl von Präsenz zwischen Menschen und zwischen Menschen und Marken sein“, sagt Bastian Raschke. Im Metaverse könnten sich Autos ganz neu erleben und vor dem Kauf testen lassen. Für Hersteller wird es damit zur entscheidenden Frage, wie sie ihre Marken und Produkte in der digitalen Welt von morgen positionieren und verkaufen – und zwar nicht nur ihre reellen, sondern auch ihre virtuellen Produkte. Denn wenn das Metaverse erst voll entwickelt ist, wird der Mensch in zwei Realitäten leben, prognostiziert Gesina Schwengers, Director Digital Products and eCommerce Mercedes-Benz AG, im IAA Mobility Visionary Club. „Und natürlich wollen die Menschen ihre Produkte dann auch in beiden Welten besitzen.“

Zum Kauf eines Mercedes für die echte Welt käme dann der des virtuellen Modells für Fahrten durchs Metaverse. Dieses Beispiel zeigt das Potenzial des virtuellen Marktes: Er wird nicht nur die Customer Journey revolutionieren, also die Interaktion mit einer Marke und den Weg, den der Kunde bis zum Kauf eines Autos durchläuft, sondern auch Absatzmöglichkeiten für neue Produkte schaffen. Damit der Wunsch nach einem virtuellen Fahrzeug nicht eines Tages den nach einem reellen abschafft, müssten die Hersteller den Kunden und Kundinnen der Zukunft aber echten Mehrwert bieten, findet Kathrin Pannier: Wenn viele Reisen nur noch virtuell stattfinden, „verlangt das OEMs auch ab, noch bessere Erlebnisse zu kreieren, die das Reisen in einem echten Auto attraktiv machen.“

„Die einzige Grenze ist unsere Vorstellungskraft“

Jede Menge Chancen also – aber auch Herausforderungen. Fragt sich nur: Wann geht es los mit dem Metaverse? Und wie steigt man am besten ein? „Bis zum vollen Erlebnis wird es nicht Monate, sondern noch Jahre dauern“, sagt Raschke. Noch fehle etwa die passende Hardware, die ausreichend Kapazitäten hat und dabei leicht und einfach überall hin mitzunehmen ist. Das Metaverse erkunden und sich anpassen könnten Unternehmen aber dank erster Anwendungen heute schon.

Was uns alle dann im Metaverse der Zukunft genau erwarten wird? Könne heute niemand ganz sicher vorhersagen, sagt Raschke. „Weil es keine Grenzen mehr gibt. Die einzige Grenze ist unsere Vorstellungskraft.“
 

Weitere Artikel