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Wie die Kreislaufwirtschaft die Fahrradindustrie verändern könnte

Wiederverwenden statt Wegwerfen – das Prinzip der Kreislaufwirtschaft ist derzeit in aller Munde. Auch immer mehr Fahrradfirmen beschäftigen sich mit der Abkehr vom klassischen, linearen Wirtschaftsmodell hin zu nachhaltigeren Geschäftsstrategien. Es ist eine Veränderung, die zahlreiche Chancen aber mindestens genauso viele Herausforderungen mit sich bringt. Ein Überblick.

Radfahren schont das Klima und die Umwelt – es ist ein Satz, den man in diesen Tagen häufig hört. Dennoch handelt es sich hierbei nur um die halbe Wahrheit: Denn während man bei der Bewegung an der frischen Luft die Ökobilanz zwar für sich selbst im grünen Bereich hält – etwa, weil man das Auto zugunsten des Fahrrades in der Garage stehenlässt –, schleppen Fahrräder dennoch eine kiloschwere CO2-Last mit sich herum. Schätzungen gehen davon aus, dass die weltweite Sportwirtschaft für einen CO2-Ausstoß von 300 bis 350 Millionen Tonnen pro Jahr verantwortlich ist. Die Fahrradindustrie macht zwar nur einen kleinen Teil des Wirtschaftsvolumens der globalen Sportwelt aus, dennoch zeigt dieser Wert deutlich: Im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln hilft das Fahrrad einerseits dabei, CO2 zu sparen. Andererseits trägt es aber auch zur Umweltverschmutzung bei.

Erik Bronsvoort, niederländischer Nachhaltigkeitsexperte

„Man kann mit mehreren Hundert Kilogramm CO2 pro produziertem Fahrrad rechnen. Dazu kommt noch der Verbrauch an Ressourcen sowie später der durch ein weggeworfenes Fahrrad entstehende Schrott“, erklärt Erik Bronsvoort. Der niederländische Nachhaltigkeits-Experte engagiert sich seit Jahren dafür, unseren Planeten zu einem besseren Ort machen. 2020 veröffentlichte er gemeinsam mit seinem Kollegen Matthijs Gerrits das Buch „From Marginal Gains to a Circular Revolution“. Dessen Tenor: Wenn es um das Thema Nachhaltigkeit, steht auch die Fahrradindustrie in der Pflicht – trotz des weitestgehend umweltfreundlichen Rufs der Zweiräder. Sein Appell: „Letztendlich kommt es deshalb darauf an, ein Fahrrad so lange wie möglich zu nutzen – um den CO2-Fußabdruck pro Kilometer zu verkleinern.“

Lange Lieferketten und wenig Recycling

Was Bronsvoort meint, zeigt sich, wenn man den Lebenszyklus eines Bikes betrachtet. Aus mehr als 2.000 Teilen besteht ein Fahrrad. Produziert werden diese an verschiedenen Standorten auf der ganzen Welt, insbesondere in Asien. Der Großteil davon sind Metalle und Verbundwerkstoffe, die erst zur Endmontage nach Europa oder Nordamerika verschifft werden. „Das ist eine riesige Lieferkette. Die Materialgewinnung, die Produktion, der Transport, die Endproduktion, der Weg zum Radladen – all das hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck“, berichtet Bronsvoort. Wie sich diese Reise in Zahlen niederschlägt, hat der US-amerikanische Radhersteller Trek in einem 2021 veröffentlichten Nachhaltigkeitsbericht untersucht: Das Mountainbike „Marlin“ kommt auf rund 116 Kilogramm CO2. Das E-Mountainbike „Rail“ bringt es sogar auf 220 Kilogramm CO2. Damit ist der Fuß- bzw. Pedalabdruck eines Fahrrades allerdings immer noch deutlich niedriger als der eines Autos. Bei einem neu produzierten Pkw fallen je nach Modell fünf bis 30 Tonnen CO2 an.

Der Trek-Nachhaltigkeitsbericht deutet dabei auch an, dass die Lieferkette nur eine Seite der Medaille darstellt. Die Studie enthält so keine potenziellen Kosten für das Recycling oder die Entsorgung der Rahmen und Komponenten nach dem Gebrauch. Tatsächlich werden nur wenige Teile eines kaputten Fahrrades wiederverwendet. Stattdessen landen die meisten Velos auf dem Schrottplatz. „Der Grund dafür ist, dass die meisten Firmen in der Fahrradindustrie mit einem linearen Wirtschaftsmodell – auch Wegwerfwirtschaft genannt. Rohstoffe, die für ein Produkt genutzt werden, werden bei dieser Art des Wirtschaftens nach der Nutzungsdauer nicht mehr in den Kreislauf zurückgeführt, sodass sie wiederverwendet werden könnten“, sagt Bronsvoort und betont: „Die Lösung für diese Problematik wäre der Übergang in die sogenannte Kreislaufwirtschaft.“

Die Kreislaufwirtschaft als möglicher Lösungsansatz

Prinzipiell handelt es sich bei der Kreislaufwirtschaft um einen ökonomischen Ansatz, der die Wiederverwendung von Materialien und die Regeneration von Produkten und Ressourcen fördert. In der Kreislaufwirtschaft wird Abfall als Ressource betrachtet, die zur Herstellung neuer Produkte und Dienstleistungen verwendet werden kann. Ziel ist es, den Kreislauf der Ressourcennutzung zu schließen, sodass Materialien und Produkte immer wieder verwendet werden, anstatt sie zu verschwenden. Die Kreislaufwirtschaft zielt also darauf ab, Abfälle zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und Umweltverschmutzung zu vermeiden. „Um diese Ziele zu erreichen, ist es wichtig, ein geschlossenes Kreislaufsystem zu entwickeln, in dem alle Materialien und Produkte wiederverwendet oder recycelt werden“, erklärt Bronsvoort.

Kreislaufwirtschaft vs. Linearwirtschaft auf einen Blick

Linearwirtschaft: Kreislaufwirtschaft:

- Linearwirtschaft ist das global vorherrschende Wirtschaftsmodell.
- Produkte werden hergestellt, konsumiert und nach einer gewissen Zeit entsorgt.
- Die Folge ist eine große Menge an Abfällen. Allein in der EU entstehen jedes Jahr 2,5 Milliarden Tonnen Abfälle.
- Ressourcen werden ineffizient genutzt.
- Bestehende Geschäftsmodelle können weiterverwendet werden.

- Kreislaufwirtschaft ist ein im Zuge der Nachhaltigkeits-Offensiven vieler Firmen diskutiertes Wirtschaftsmodell.
- Produkte werden hergestellt, konsumiert und im Anschluss wiederverwendet und recycelt.
- Es wird nur ein Bruchteil an Abfällen im Vergleich zur Linearwirtschaft erzeugt.
- Ressourcen werden über ihren Lebenszyklus hinweg wesentlich effizienter genutzt.
- Um dies umzusetzen, braucht es Investitionen und neue Geschäftsstrategien.

Auf die Fahrradindustrie übertragen würde dies bedeuten, dass sich alle Materialien und Teile, die zum Bau eines Fahrrades notwendig sind, in einem Kreislauf befinden. Bei der Herstellung würde dabei bereits darauf geachtet werden, dass die Komponenten aus erneuerbaren oder recycelten Materialien gefertigt werden. Zudem sollten die Produkte länger genutzter werden. „Und wenn doch etwas kaputtgehen sollte, sollte es schnell und einfach repariert oder getauscht werden können. Am Ende ihrer Lebensdauer kehren die Bikes dann wieder zum jeweiligen Unternehmen zurück, sodass dieses daraus neue Räder baut – oder die Teile umweltfreundlich in den Kreislauf der Natur zurückgeführt“, so Bronsvoort, der anfügt: „Am Ende wäre es eine Win-Win-Win-Situation: für die Endverbraucher, für die Industrie und für unseren Planeten.“

Große Herausforderungen für alle Beteiligten

Ein mit der Idee der Kreislaufwirtschaft gebautes Fahrrad – derzeit ist die Fahrradbranche davon allerdings noch weit entfernt. Ein Grund sind die derzeitigen Strukturen. Betrachtet man heutige Bikes und Komponenten, stellt man schnell fest, dass es viele verschiedene Standards und wenig untereinander austauschbare Teile gibt. Oftmals ist es dadurch bequemer, gleich das ganze Teil auszuwechseln als einen einzelnen Bestandteil. „Statt ein abgefahrenes Ritzel auszutauschen, gibt es direkt eine neue Kassette“, nennt der niederländische Experte ein Beispiel. Er selbst hatte vor einigen Jahren den Versuch gestartet, einen Fahrradhandel zu eröffnen, der neue Fahrräder aus alten Teilen baut – allerdings ohne Erfolg. „Es dauert einfach zu lange, die passenden Komponenten zu finden, die Bikes zusammenzustellen und aufzubauen.“

Buch-Tipp: From marginal gains to a circular revolution

Wie könnte eine nachhaltige Fahrradindustrie aussehen? In ihrem Buch beschreiben die Autoren Erik Bronsvoort und Matthijs Gerrits auf 160 Seiten, wie sich der Wandel zu klima- und umweltfreundlicheren Fahrradprodukten vollziehen könnte. Der Tenor: Kleine Schritte reichen nicht aus, es braucht eine Revolution. Das Buch ist derzeit nur auf Englisch verfügbar, eine deutsche Variante ist laut Erik Bronsvoort allerdings in Planung. Weitere Informationen gibt es unter www.circularcycling.nl

Wie groß die Herausforderungen für alle Beteiligten sind, zeigen zudem die Anforderungen an ein Fahrrad, das nach den Standards der Kreislaufwirtschaft gebaut werden würde: Ein solches sollte nicht nur möglichst einfach austauschbare und wiederverwendbare Teile besitzen, sondern zudem möglichst belastbar und haltbar sein. Auch sollte es einfach zu reparieren sein. Last but not least sollten zudem Rohstoffe verwendet werden, die einfacher recycelt werden können. Aluminium gilt beispielsweise als nachhaltiger als Kohlefaser – weil es am Ende der Lebensdauer einfach wiederaufbereitet werden kann.

Es braucht einen Konsens in der Industrie

Für Bronsvoort wäre der erste Schritt daher, die Industrie zusammenzubringen – um entsprechende Standards zu vereinheitlichen. Im Anschluss müssten die Hersteller mehr und mehr ihre Geschäftsmodelle überdenken. Eine Möglichkeit seien beispielsweise Abo-Modelle, die dem Kunden mehr Service bieten, gleichzeitig aber dafür sorgen, dass der Hersteller die Ware wieder zurücknimmt und wieder aufbereitet. „Nehmen wir einmal das Thema E-Bikes: Akku und Motor haben hier eine geringere Lebensdauer als der Rest des Rades: Warum gibt es nicht heute schon Geschäftsmodelle, bei denen man beispielsweise ein Abo auf den Antriebsstrang besitzt, sodass diese Teile am Ende ihrer Lebensdauer einfach ausgetauscht werden?“, fragt Bronsvoort.

Eine weitere Lösung könnte ein sogenannter digitaler Materialpass für ein Fahrrad sein – also eine Datenbank, in der aufgelistet ist, welche Produkte und Materialien in einem Fahrrad verarbeitet wurden und woher sie kommen. „Das würde die Industrie sicherlich zum Umdenken bewegen. Auch wäre das insofern gut, als dass ein solcher Materialpass die Arbeit von Recycling-Unternehmen wesentlich vereinfachen würde. Auch die Arbeit von Händlern wäre vereinfacht, weil weitere Informationen wie Garantiezeiten einzelner Parts etc. vermerkt werden könnten“, sagt der Niederländer. Trotz aller Ideen – zum Abschluss weist er allerdings auch darauf hin, dass hier noch ein weiter Weg zu gehen sei. Bronsvoort: „Wir befinden uns am Anfang einer Revolution.“

Kreislaufwirtschaft – diese Fahrradfirmen machen es vor

Ein neues Fahrrad aus alten Fahrradteilen bauen? In der Tat gibt es bereits Fahrradfirmen, die ähnliche Wirtschaftsmodelle nutzen, um ihre Bikes herzustellen. Diese Firmen nutzen Produktabfälle oder recycelte Materialien, anstatt den Müll einfach zu entsorgen. Im Folgenden stellen wir drei Firmen aus der Fahrradbranche vor, die bereits mit der Kreislaufwirtschaft arbeiten respektive mit ihr experimentieren.

Swapfiets (Niederlande)
Keine Anschaffungskosten, keine Anzahlung und ein monatlich kündbares Abonnement – das niederländische Unternehmen Swapfiets hat die deutschen Städte mit seinem Abo-Modell im Nu erobert. Unter anderem gehört zudem Abo-Modell, dass kaputte Fahrräder innerhalb von 48 Stunden repariert oder ersetzt werden. Alle Parts sind deshalb besonders robust gestaltet bzw. so designt, dass sie leicht getauscht oder wiederaufbereitet werden. www.swapfiets.com
Roetz Bikes (Niederlande)
„Jedes Jahr werden etwa eine Million Fahrräder weggeworfen – obwohl wesentliche Teile wie der Rahmen in Ordnung sind“, heißt es auf der Roetz-Website. Dies sei der Anstoß dazu gewesen, 2011 die Firma Roetz Bikes zu gründen. In der Amsterdamer Roetz Fair Factory werden heute deshalb aus ausrangierten Fahrrädern neue Fahrräder hergestellt, wobei es sich vornehmlich um City-Bikes und E-Bikes für die Stadt handelt. Inzwischen erreicht man so eine Zirkularität von rund 30 Prozent. In Zukunft will man diesen Wert deutlich steigern. www.roetz-bikes.com und www.roetz.life

Vaude (Deutschland)

Kein Fahrradhersteller, aber ein bekannter Hersteller von Fahrradbekleidung. Vaude gilt seit Jahren als Vorreiter, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht. Eines der Unternehmensziele ist unter anderem auch die Kreislaufwirtschaft. Im aktuellen Vaude-Nachhaltigkeitsbericht heißt es: „Das meiste wird bei Vaude recycelt, aber der Restmüll bleibt unser Sorgenkind – auch wenn wir etliche Materialreste upcyceln.“ Im Jahr 2022 ist das Unternehmen erstmals klimaneutral. Dies gelingt unter anderem durch eine Mischung aus Nachhaltigkeitsinitiativen und Ausgleichszahlungen. www.vaude.com