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„Sehr viele Synergien“

Porsche übernimmt den Münchner E-Bike-Antriebsspezialisten Fazua – es war eine Meldung, die Anfang Juni über die gesamte Mobilitätsbranche hinweg große Wellen schlug. Wir sprachen mit Fazua-Mitbegründer Fabian Reuter über die Übernahme sowie seine Sicht auf die aktuellen Herausforderungen für die Automobil- und Fahrradbranche in Sachen Mobilitätswandel.

Fabian Reuter, Fazua-Mitbegründer

Herr Reuter, Fazua wurde vor neun Jahren begründet. Heute hat Ihre Marke 130 Angestellte, seit kurzem ist die Firma Teil der Porsche-Familie. Was hätten Sie gesagt, wenn Ihnen das vor neun Jahren jemand erzählt hätte?

Fabian Reuter: Ich hätte es mir nicht vorstellen können. Natürlich träumt man als junger Unternehmer immer ein bisschen – aber das ist schon eine besondere Geschichte. Die Entwicklung mit Porsche ist dabei wohl das Tüpfelchen auf dem i. Sicherlich braucht es in unserem Bereich starke Investments – einen E-Bike-Antrieb entwickelt man schließlich nicht einfach mal so, ganz ohne Kapital. Trotzdem hätte ich nicht an ein so starkes Engagement wie das von Porsche geglaubt. Das hat wirklich eine Basis geschaffen, die uns noch mehr die Chance gibt, unsere Roadmap zu verwirklichen.

Wo steht Fazua derzeit als Marke und was bedeutet die Übernahme durch Porsche für Sie?

Reuter: In den letzten Jahren haben wir uns einen starken Namen in der Fahrradindustrie gemacht. Wir gelten als die Begründer des Light-E-Bikes und unsere Antriebssysteme sind heute ein wesentlicher Bestandteil dieser Kategorie. Unter dem Dach von Porsche wird sich daran erst einmal nichts ändern. Ein Unterschied ist allerdings, dass wir in Zukunft neben den besonders kompakten und leichten Antrieben auch leistungsfähige E-Bike-Systeme unter dem Markennamen Porsche entwickeln und produzieren werden. Bei Porsche sieht man großes Potenzial im E-Bike-Markt – und wir sind natürlich ein wesentlicher Bestandteil dieser Strategie.

Es gab in den letzten Jahren immer wieder Initiativen von Automobilherstellern, im Fahrradbereich Fuß zu fassen. Nicht immer waren diese auch erfolgreich. Wo liegen hier die Schwierigkeiten?

Reuter: Wenn ich hier die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte … [lacht] Ich denke, dass es hier sehr viele Gründe gibt, die von außen nicht immer einfach zu beurteilen sind. Ein Punkt ist wohl, dass viele Automobilhersteller die Fahrradbranche unterschätzt haben – oder sich nicht stark genug engagiert haben. Viele Marken sind im Fahrradbereich seit Jahrzehnten fest verwurzelt, haben sich einen Markennamen aufgebaut, verfügen über entsprechendes Know-how etc. – das kann man mal nicht so im Vorbeigehen aufholen, selbst wenn man mit unglaublicher finanzieller Kraft in den Bike-Bereich dringt.

Über Fazua

Das oberbayerische Unternehmen Fazua wurde im Jahr 2013 auf der Basis eines erfolgreichen Universitäts-Projekts gegründet. Bereits zwei Jahre später überrollte das Start-up die Fahrradindustrie mit seinem Antriebskonzept für E-Bikes, das sich vor allem durch seine kleine Bauweise und sein leichtes Gewicht von der Konkurrenz abhob. Bis heute gilt man als Pionier in der Entwicklung von leichten und kompakten Antriebssystemen. Mittlerweile kooperiert Fazua mit über 40 Marken, erst vor kurzem hat man den innovativen Antrieb Ride 60 vorgestellt.

Sie sprechen bereits die finanziellen Unterschiede zwischen beiden Branchen an. Wenn Fahrradhersteller mit Autoherstellern kooperieren: Welches Know-how bringen beide Seiten mit: Was können die Autohersteller lernen? Und was die Fahrradhersteller?

Reuter: Also ich denke, dass gerade die Kapitalisierung ein wichtiger Punkt ist. Noch vor gar nicht so langer Zeit konnte man ein Fahrrad relativ leicht auf den Markt bringen. Da reichten der Einkauf eines Rahmens und der Komponenten aus – und fertig war das Rad. In Zeiten von E-Bikes und vernetzten Fahrrädern ist das schon wesentlich komplizierter. Da braucht es ganz neue Infrastrukturen, die es in der Automobilbranche bereits seit vielen Jahren gibt. Dazu kommt, dass es immer schwieriger wird, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden. In Zukunft wird man am Fahrrad über Custom-Antriebe, individuelle Apps, etc. sprechen – auch hier sind neue Kapazitäten und Abteilungen im Entwicklungsbereich gefragt. Und das wird immer weitergehen – die Kundschaft erwartet heute beim Fahrrad schließlich immer mehr. Gleichzeitig bringt die Fahrradbranche das Know-how über die Fahrradkundschaft und die Markenhistorie mit. Ich denke, hier gibt es sehr viele Synergien.

Was entgegnen Sie Leuten aus der Automobilindustrie, die das Fahrrad als „Gegner“ betrachten?

Reuter: Hier muss man einfach auf aktuelle Meinungsumfragen verweisen. Denn letztendlich entscheidet immer die Kundschaft – selbst wenn man politisch stark dagegen arbeiten würde. Wenn sich nun ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung für Klima- und Umweltschutz interessiert, nach alternativen Mobilitätslösungen sucht und mehr Engagement für den Radverkehr fordert, dann ist das einfach das, was die Menschen wollen. Ich muss in diesem Zusammenhang aber auch sagen, dass ich den Eindruck habe, dass es hier eine immer größere Dialogbereitschaft seitens der Automobilbranche gibt. Dass Auto und Fahrrad zusammen sehr gut funktionieren kann, zeigt ja nicht zuletzt das Beispiel Porsche und Fazua.

Glauben Sie, dass diese vermehrten Engagements von Automobilherstellern auch allgemein helfen werden, den Stellenwert des Fahrrades zu erhöhen?

Reuter: Sicherlich. Auch politisch bekommt das Fahrrad Stück für Stück immer mehr Gewicht. Die Automobilindustrie muss sich schließlich überlegen, wohin sich Mobilität in der Gesellschaft entwickelt wird. Ich glaube nicht, dass irgendein Automobilhersteller das Thema Fahrrad derzeit nicht auf der Agenda stehen hat. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass all diese Entwicklungen – der Mobilitätswandel, neue Technologien am Fahrrad und das Engagement großer Firmen in der Radbranche – dafür sorgen, dass Fahrräder noch besser werden.

Was sind nun Ihre nächsten Ziele? Wie geht es für Fazua nach der Übernahme durch Porsche weiter?

Reuter: Wir haben kürzlich ja erst unseren Ride 60 präsentiert, einen sehr kompakten und sehr leichten E-Bike-Antrieb. Die ersten Bikes mit dem neuen System sind bereits seit August erhältlich. In den kommenden Monaten wird es nun darum gehen, den Antrieb gemeinsam mit unseren Partnern auf dem Markt zu etablieren. Und dann wartet natürlich viel Arbeit auf uns, wenn es um das Zusammenwachsen mit Porsche geht. Auch hier wird es in Zukunft sicherlich viele Neuigkeiten geben.

Porsche eBike Performance GmbH: Gebündelte Kräfte für ein strategisches E-Bike-Engagement

Die Übernahme von Fazua war längst nicht die einzige Aktivität von Porsche auf dem E-Bike-Sektor in jüngster Vergangenheit. Bereits Ende des vergangenen Jahres übernahm man die kroatische E-Bike-Marke Greyp, einen Vorreiter in Sachen Integration und IoT-Technologien am Fahrrad. Um die Kräfte nun unter einem Dach zu bündeln, gründete man am 1. August 2022 zusammen mit der niederländischen Gesellschaft Ponooc Investment B.V. die Porsche eBike Performance GmbH. Diese wird neben kompakten Antriebssystemen von Fazua besonders leistungsfähige E-Bike-Antriebe unter dem Markennamen Porsche entwickeln und produzieren. Beide Produktkategorien sollen in Zukunft weltweit an E-Bike-Hersteller vertrieben werden. Das neu gegründete Joint Venture agiert dabei als Technik-Partner. Die elektrischen Antriebssysteme sollen darüber hinaus auch in zukünftigen Porsche E-Bike zum Einsatz kommen.