Person betrachtet dreidimensionale Darstellung eines Auto auf einem Arbeitstisch.

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Start-ups in der Mobilität: Welcher Trend setzt sich durch?

Sie inspirieren, denken neu und erhöhen das Innovationstempo: Start-Ups sind einer der Treiber der Mobilitätswende. Wie können die etablierte Industrie und die jungen Wilden voneinander profitieren? Welche Konzepte sind bei Investoren aktuell gefragt? Und was braucht es für ein europäisches Silicon Valley? Der IAA Mobility Visionary Club hat Experten aus der Branche gefragt.

Flugtaxis, autonom fahrende Elektroautos und e-Bikes, und das alles in einer einzigen App nach Bedarf buchbar – so könnte Mobilität in Zukunft aussehen. Wie auch immer sie sich genau entwickeln wird, eines scheint bereits sicher: Sie wird sich grundlegend von der heutigen unterscheiden. Schon jetzt bringen das Streben nach mehr Nachhaltigkeit, Elektrifizierung, Autonomes Fahren und Trends wie Shared Mobility den Mobilitätssektor in Bewegung.

„Die Branche steht am Anfang einer kompletten Veränderung, eines Umbruchs – und genau da liegen enorme Möglichkeiten für die großen Anbieter. Aber diese Unternehmen werden alleine oft nicht schnell genug sein“, sagt Mathias Entenmann im IAA Mobility Visionary Club. Er ist Partner und Managing Director bei Boston Consulting Group Digital Ventures, wo er am Aufbau von Start-ups arbeitet – gemeinsam mit etablierten Unternehmen. Denn diese werden oft von ihrer schieren Größe, dem Tagesgeschäft und ihren lange bewährten Prozessen gebremst – Wandel ist innerhalb dieser Systeme bisweilen schwer zu erreichen. Start-ups könnten hier als Beschleuniger wirken.

Gute Zeiten für Gründer

Denn die jungen Unternehmen legen oft ein hohes Tempo bei Innovationen vor und gestalten Zukunftsmobilität so neu. Das wissen auch Investoren zu schätzen: Laut dem Oliver Wyman Mobility Start-up Radar von 2021 zogen Mobilitäts-Start-ups in fünf Jahren im Schnitt jährlich zusammen etwa 37 Milliarden US-Dollar an Investmentkapital weltweit an sich1.  

Gute Zeiten also für junge Gründer in der Branche? „Es fließt viel Geld in Venture-Capital-Fonds und dabei auch in die Mobilität“, sagt Julian Blessin, General Partner bei Speedinvest, einem Venture-Capital-Fonds, der europaweit und branchenübergreifend investiert. Und der Höhepunkt sei noch nicht erreicht: „Wir werden in der Mobilität noch mehr Investment sehen.“

Fragt sich also, was das nächste große Ding in der Mobilität sein wird. „Sicher kein Auto, so viel ist klar“, sagt Blessin. Attraktiv seien aktuell Innovationen rund um E-Mobilität und die benötigte Ladeinfrastruktur sowie das Autonome Fahren, aber auch Mikromobilität. Intensiv gearbeitet wird in der Start-up-Branche zudem an Shared Mobility und Mobility as a Service.

Caterina Kiehntopf etwa setzt als General Manager Germany des Start-ups Dance darauf, dass die Entwicklung weg vom Eigentum hin zu Leasing- und Abo-Modellen für Mobilität geht. Das verspreche „eine Rückgewinnung des städtischen Raums für den Menschen und nicht für das Auto“. Das Unternehmen bietet e-Bikes und e-Mopeds im Abo an. Auch Nina Geiss, CMO and Co-Founder von ViveLaCar, einem Marktplatz für Auto-Abos, der Händler mit Endkunden zusammenbringt, ist überzeugt: „Es wird einen Wandel hin zu alternativen Mobilitätslösungen geben, die viel flexibler die gesamten Möglichkeiten von der Mikromobilität bis hin zum Fliegen abdecken werden.“ Diese würden dank ihres hohen Maßes an Flexibilität dann auch zu mehr Nachhaltigkeit führen.

Start-up-Eldorado USA

Mit solchen Überzeugungen bereichern und bewegen Start-ups die Branche weltweit. Noch liegt das Eldorado für Gründer dabei in den USA. Dort saß das Risikokapital schon früh deutlich lockerer als in Europa, was wohl auch kulturell in einer anderen Einstellung zum Unternehmertum begründet sein dürfte, in der die Möglichkeit zu scheitern einkalkuliert und nicht negativ konnotiert wird. Zudem dürfte Europa als heterogener Markt mit unterschiedlichen Sprachen, Regulationen und Bankumgebungen bisweilen ein härterer Brocken sein als Märkte wie die USA oder China. Doch: „Europa holt auf“, sagt Blessin. So ist hier unter anderem die Zahl der Mega-Finanzierungsrunden mit einem Volumen von je mehr als 100 Millionen Dollar deutlich angestiegen2. Einzelne Regionen in Europa stechen als Vorbilder heraus. Von ihnen kann man lernen.

Ein Beispiel dafür ist Berlin: Hier gingen 2020 drei Milliarden Euro an circa 4000 Start-ups. Zudem schrecke man in Berlin auch vor Partnerschaften aus Start-ups, etablierten Unternehmen und Betrieben der öffentlichen Hand nicht zurück, sagt Nina Geiss. Man sehe hier, wie mehrere Akteure zusammenkämen, um gemeinsam ein größeres Ökosystem zu bauen – und gerade in der Mobilität Lösungen zu finden, die eine Firma alleine nicht stemmen könne.

Kooperation als Königsweg

Eine Lösung auf dem Weg zum europäischen Silicon Valley könnte also in mehr Kooperation liegen. Und: „Wir brauchen eine Start-up-freundlichere Regulierung“ sagt Mathias Entenmann. Eine solche könne etwa durch bessere Anreize für Investitionen oder Unternehmensbeteiligungen für Mitarbeiter einiges bewegen und die EU-Industrie zu mehr Mut und Kooperation veranlassen.

Denn allein, so ein Resümee der Runde, kann niemand Start-up-Motor sein. Um die Szene voranzubringen sei ein Dreieck aus Venture Capital, öffentlicher Hand und großen Unternehmen gefragt, sagt Entenmann. Gerade Letztere könnten die Entwicklung treiben – und würden zugleich selbst von ihr profitieren: „Diese Unternehmen müssen sich neu erfinden und sind alle auf einer Transformationsreise“, so Entenmann. Und alleine reist es sich bekanntlich schlecht – mit Start-ups zu kooperieren, in sie zu investieren oder sie gar gleich mitzugründen könnte das Reisetempo noch mal erhöhen.

 

1/2 https:www.oliverwyman.comour-expertiseinsights2021sepmobility-report-2021.html